Viele Katzenhalter sind verunsichert

Impfungen: Notwendiges Übel oder üble Masche der Pharmaindustrie? Auf jeden Fall ein Thema, das viele Katzenhalter verunsichert – vor allem wenn man an die Nebenwirkungen denkt. Ich freue mich sehr, dass sich die Tierärztin Larissa Michels von Tierarzt24.de zu einem Gastbeitrag bereit erklärt hat. Dafür herzlichen Dank!
Tierärztin gibt Katze eine Spritze

Gastbeitrag: Impfungen bei Katzen

Grundsätzlich gilt die Empfehlung, dass jedes einzelne Tier nur so häufig geimpft werden sollte, wie unbedingt nötig. Hierfür ist die Erarbeitung eines individuellen Impfschemas in Zusammenarbeit mit dem behandelnden Tierarzt sinnvoll.

Individuelle Impfpläne statt starrer Impfprogramme

In der Vergangenheit richtete man sich hauptsächlich an starren Impfprogrammen aus. Jede von der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet.) empfohlene Impfung  sollte streng nach den für den jeweiligen Impfstoff vorgegebenen Zeiträumen wiederholt werden.

Vorteil dieses Verfahrens: Die regelmäßig geimpften Tiere waren optimal geschützt. Der Nachteil: Einzelne Katzen wurden dadurch sehr viel öfter geimpft, als für die individuelle Lebenssituation überhaupt erforderlich gewesen wäre. Dies ist vor allem hinsichtlich möglicher Impfreaktionen bzw. Nebenwirkungen von Bedeutung.

Gefährliche Nebenwirkungen

Speziell bei Katzen besteht die Gefahr einer tumorösen Entartung der Injektionsstelle als Spätfolge einer Impfung. Das Risiko, an ISAS (Injection Site Associated Sarcoma) zu erkranken, liegt bei 1:1.000 bis 1:10.000.

Hier wird den sogenannten „Totimpfstoffen“ ein erhöhtes Risiko zugeschrieben, vor allem, wenn diese Adjuvantien enthalten. Adjuvantien sind Stoffe zur Verbesserung der Immunantwort. Dies sind im Einzelnen der Tollwut-Impfstoff und der Leukose-Impfstoff. Letzterer ist auch als pure, nicht-adjuvantierte Vaccine erhältlich.

Neue Richtlinie zur Impfung von Kleintieren

Generell liegen individuelle Impfprogramme im Interesse aller Beteiligten. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin hat vor einigen Jahren eine neue Richtlinie zur Impfung von Kleintieren erarbeitet. Diese hat sich in der Tierarztpraxis mittlerweile sehr gut etabliert.

Welche Impfungen sind nun tatsächlich notwendig?

Impfpass einer KatzeUm diese Frage hinreichend beantworten zu können, ist es hilfreich, die Bestandteile der Impfungen in Core-Komponenten und Non-Core-Komponenten zu unterteilen. Core-Komponenten richten sich gegen solche Erreger, gegen die jedes Tier zu jeder Zeit geschützt sein muss, da eine Infektion für das Tier selber und/oder für den Halter (und andere Menschen) lebensbedrohlich sein kann.

Non-Core-Komponenten hingegen werden eingesetzt gegen Erreger, gegen die ein Tier nur unter besonderen Umständen geschützt sein muss, nämlich dann, wenn ein Kontakt mit dem betreffenden Erreger wahrscheinlich ist. Das bedeutet nicht, dass die Non-Core-Komponenten weniger wichtig sind oder die Krankheiten, gegen die sie schützen, weniger gefährlich. Es heißt nur, dass nicht jedes Tier zu jeder Zeit demselben Risiko für eine Ansteckung ausgesetzt ist.

Katzenschnupfen

Core-Komponenten richten sich gegen das Rhinotracheitisvirus, das Feline Calicivirus und das Feline Panleukopenievirus, in dieser Kombination auch bekannt unter dem Kürzel RCP. Das Rhinotracheitisvirus und das Feline Calicivirus sind mitbeteiligt am Symptomkomplex des Katzenschnupfens. Der Katzenschnupfen ist keine harmlose Erkältung, sondern eine hochansteckende Krankheit. Sie kann für die betroffenen Tiere lebenslange Folgen haben, wie zum Beispiel Sehstörungen bis hin zur Blindheit. Außerdem kann sie immer wieder neu aufflammen.

Katzenseuche

Das Feline Panleukopenievirus ist der Auslöser der sogenannten Katzenseuche, einer ebenfalls hochgradig ansteckenden Infektion. Sie befällt den Magen-Darm-Trakt und schwächt gleichzeitig die Abwehrzellen der erkrankten Katzen. Plötzliche, unstillbare Durchfälle führen zu einem massiven Flüssigkeits- und Elektrolytverlust, der nur schwer wieder ausgeglichen werden kann. In vielen Fällen führt das zum Tod der betroffenen Tiere.

Sonderfall Tollwut

Das Tollwutvirus wird auf Grund seines zoonotischen Charakters und seiner Gefährlichkeit grundsätzlich auch den Core-Komponenten zugerechnet. Bei Zoonosen handelt es sich um Infektionskrankheiten, die von Tier zu Mensch bzw. von Mensch zu Tier übertragbar sind.

Das Tollwutvirus ist ein Sonderfall, denn bei Katzen, die ausschließlich in der Wohnung gehalten werden, kann man auf die Impfung verzichten. Das Ansteckungsrisiko geht bei Wohnungskatzen gegen null. Bei Freigängern hingegen ist diese Impfung sehr zu empfehlen, da geimpfte Tiere nach Kontakt mit einem nachweislich tollwütigen Tier besser gestellt sind als ungeimpfte. Nicht geimpfte Tiere müssen nach einem solchen Kontakt getötet werden. Für Tiere auf Auslandsreisen gilt eine Impfpflicht für Tollwut.

Bordetella bronchiseptica

Zu den Non-Core-Komponenten zählt der Impfstoff gegen Bordetella bronchiseptica, welcher intranasal, also in die Nase appliziert wird. Dieses Bakterium ist ebenfalls häufig am Katzenschnupfen-Komplex beteiligt, jedoch in der Regel nicht auslösend. Das bedeutet, dass normalerweise zuerst eine Infektion und Vorschädigung der Atemwege durch die oben beschriebenen aggressiven Viren stattfinden muss, bevor sich die Bordetella bronchiseptica sekundär dazu gesellen und das Symptombild verschlimmern. Vor allem in Einrichtungen in denen viele  Katzen gleichzeitig gehalten werden, wie zum Beispiel Tierheimen, Tierpensionen und Zuchten, ist der Infektionsdruck hoch. Eine Impfung der Tiere ist deshalb empfehlenswert.

Chlamydophila felis

Ähnliches gilt für die Impfung gegen Chlamydophila felis, ebenfalls häufig sekundär mitbeteiligt am Symptomkomplex des Katzenschnupfens. Hier wird eine Impfung vor allem in dicht besiedelten „Problembeständen“ empfohlen, also dort, wo immer wieder Fälle von Katzenschnupfen auftreten und man „der Lage einfach nicht Herr“ wird.

Felines Coronavirus

Das Feline Coronavirus (FCoV) zählt ebenfalls zu den Non-Core-Komponenten und wird intranasal appliziert. Eine mutierte Variante dieses an sich harmlosen Erregers ist der Auslöser der tödlich verlaufenden Felinen Infektiösen Peritonitis (FIP), einer ansteckenden Bauchfellentzündung. Normalerweise sind Coronaviren verantwortlich für milde Durchfälle und in der Katzenwelt so zu sagen allseits präsent.

Eine Impfung ist nur dann sinnvoll, wenn die Katze noch nie in Kontakt mit dem FCoV war, also vor allem bei Jungtieren. Nach einer erfolgten „Wildinfektion“ hingegen wurden vom Körper bereits Antikörper gebildet. Das Tier ist damit immunologisch auf demselben Status wie eine geimpfte Katze. Eine anschließende Impfung hätte keinerlei zusätzlichen positiven Effekt. Das Ziel einer jeden Impfung ist nämlich immer die Produktion körpereigener Antikörper zum Schutz vor der betreffenden Erkrankung. Vor einer FCoV-Impfung wird daher standardmäßig immer ein Antikörpertest durchgeführt, um zu erkennen, ob das Tier bereits Kontakt mit dem Erreger hatte.

Leider bieten sowohl eine vorangegangene Infektion mit Coronaviren als auch die entsprechende Impfung keinen hundertprozentigen Schutz vor der Erkrankung an FIP. Viele Tierärzte empfehlen diese Impfung daher in der Regel häufig nicht. Je nach Seuchenlage kann sie unter bestimmten Umständen dennoch sinnvoll werden und das Risiko für eine Erkrankung zumindest senken.

Kätzchen beim Tierarzt

Felines Leukosevirus

Der letzte zu nennende Erreger, der zu den Non-Core-Komponenten gehört, ist das Feline Leukosevirus (FeLV). Diese Impfung wird vor allem bei Freigängern empfohlen, die mutmaßlich viel Kontakt zu Katzen mit unbekanntem Leukose-Status haben. Die Übertragung erfolgt durch Blut oder Speichel, also zum Beispiel über Bissverletzungen und bei der Paarung. Die meisten infizierten Katzen sind klinisch vollkommen unauffällig, verbreiten den Erreger aber weiter. Nur ein geringer Prozentsatz der betroffenen Katzen erkrankt letztendlich auch an einer in der Regel tödlich verlaufenden Leukose, die gekennzeichnet ist durch multiple Tumoren im Lymphsystem (malignes Lymphom oder Lymphosarkom der Katzen).

Eine andere Verlaufsform ist die nicht-neoplastische (also ohne die Bildung von Tumoren), bei der es aber ebenfalls zu einer massiven Schädigung des Immunsystems kommt. Über kurz oder lang verläuft sie ebenso tödlich wie die tumoröse Form.

Es ist erwiesen, dass sich ältere Tiere deutlich seltener mit dem Leukosevirus infizieren als jüngere. Eine jährliche Wiederholungsimpfung wird daher für besonders junge Tiere empfohlen. Mit steigendem Alter kann das Intervall durchaus vergrößert werden. Bei sehr alten Katzen muss individuell entschieden werden, ob eine Impfung auch weiterhin nötig ist.

Impfungen gegen Hautpilz

Impfungen gegen verschiedene Hautpilzarten werden nicht grundsätzlich empfohlen, da der prophylaktische Effekt vielen praktizierenden Tierärzten als nicht ausreichend erscheint. Die Impfstoffe werden eher therapeutisch eingesetzt, also bei Tieren, die aktuell an einem Hautpilz erkrankt sind, da hierdurch ein schnelleres Abheilen der Infektionen zu beobachten ist.

Welche Impfintervalle sind anzustreben?

Nach den Empfehlungen der StIKo Vet. sollte zum optimalen Schutz bei allen Tieren eine vollständige Grundimmunisierung erfolgen. Bei Welpen fallen darunter alle Impfungen, die in den ersten beiden Lebensjahren erfolgen.

Grundimmunisierung

Für die Core-Komponenten bedeutet dies im Alter von

  • 8 Lebenswochen: RCP
  • 12 Lebenswochen: RCP, Tollwut bei Freigängern
  • 16 Lebenswochen: RCP, Tollwut bei Freigängern1
  • 15 Lebensmonaten: RCP, Tollwut bei Freigängern

Für Core- und bestimmte Non-Core-Komponenten (Leukose und FIP) ist zum Beispiel das folgende Impfschema möglich. Im Alter von

  • 8 Lebenswochen: RCP
  • 12 Lebenswochen: RCP, Tollwut, Leukose
  • 16 Lebenswochen: RCP, Tollwut1, Leukose1, FIP
  • 19 Lebenswochen: FIP
  • 15 Lebensmonaten: RCP, Tollwut, Leukose

Wiederholungsimpfungen

Wiederholungsimpfungen sind alle Impfungen nach der abgeschlossenen Grundimmunisierung. Im Einzelnen heißt das:

  • RC (Katzenschnupfen): jährlich
  • P (Feline Panleukopenie): alle 3 Jahre
  • Tollwut: es gelten die in der Packungsbeilage genannten Intervalle (i.d.R. jährlich oder alle 3 Jahre)
  • Leukose: jährlich bzw. im höheren Alter auch seltener
  • FIP: 2 Impfungen im Abstand von 3 Wochen ausreichend (s. Grundimmunisierung)

Für die anderen Non-Core-Komponenten gilt nach der Grundimmunisierung (entsprechend den Herstellerangaben) in der Regel ein Impfschutz von einem Jahr. Eine Wiederholung ist aber wie oben beschrieben nur bei einer besonderen Exposition notwendig.

Larissa Michels

1 Diese zweite empfohlene Tollwutimpfung geht über die gesetzlichen Anforderungen hinaus, ist aber aus immunologischen Aspekten sinnvoll, da die Antikörperbildung mit der ersten Impfung u.U. unzureichend sein kann. Das gleiche gilt für die zweite Leukose Impfung der Non-Core-Komponenten.

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